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Die ostfriesische Nordseeinsel Langeoog wurde im Dritten Reich planmäßig zum Luftwaffenstützpunkt ausgebaut. Dazu wurde die Insel erheblich verändert: Durch Aufspülungen wurde zusätzliches Land gewonnen, auf dem ein Militärflugplatz errichtet wurde. Im Laufe des Krieges kommen Dutzende Bauwerke hinzu, zum Teil von Kriegsgefangenen errichtet, darunter Bunker, Deiche, Mole, Straßen, Wohnhäuser für Offiziere und ein zweistöckiges Verwaltungsgebäude in Form eines (unvollendeten) Hakenkreuzes. Bis heute herrscht einhelliges Schweigen über diesen Teil deutscher Geschichte auf der idyllischen Urlaubsinsel. In den Chroniken und Jubiläumsfestschriften findet sich wenig über die Zeit des Dritten Reichs und des zweiten Weltkriegs. Dieses Blog soll das ändern. Jeder, der etwas weiß oder wissen will und sich für die Geschichte der Insel interessiert, darf sich hier beteiligen.

Ausschnitt Langeoog-Prospekt_klein

Internatsgymnasium von obenNach einem Bericht des General-Anzeigers in Rhauderfehn konnten die Verursacher des Feuers im ehemaligen Wehrmachts-Verwaltungsgebäude und späteren Internats auf Langeoog ermittelt werden. Wie auf der Luftaufnahme des ausgebrannten Gebäudes gut zu erkennen ist, hat das Gebäude die Grundform eines Hakenkreuzflügels. Ursprünglich sollte das Gebäude als vollständiges Hakenkreuz gebaut werden. Warum der zweite Flügel nicht gebaut wurde, der die vorhandene Achse in deren Mitte im 90-Gradwinkel durchschnitten hätte, ist unklar.

Langeoog-Postkarte FokkoKürzlich habe ich bei Ebay eine Postkarte ersteigert, die laut Poststempel am 26. Juli 1958 verschickt wurde. Dem Empfänger-Ehepaar in Lüneburg wurde – zeitlos lapidar – mitgeteilt: „Das Wetter könnte besser sein, ansonsten gefällt es uns aber.“  Interessant ist, dass auf der Vorderseite der Postkarte, die von Fokko Gerdes gedruckt wurde, die Insel in ihrer Vorkriegsform abgedruckt wurde, nämlich mit einem viel schmaleren Fuß, ohne Hafenmole und ohne die großflächigen Aufspülungen rund um das Flithörn, die während der Kriegsvorbereitungen erfolgten. Weitere Abbildungen auf der Vielbilderkarte wie die der fertig gestellten Blumental-Siedlung oder der Diesllok der Inselbahn sprechen für eine Datierung nach Beginn der Kriegsvorbereitungen auf der Nordseeinsel  – die in diesem Fall noch mit Bindestrich als „Nordsee-Insel“ geschrieben wurde.

Schon bei einer anderen Postkarte ist es mir aufgefallen: Die Hakenkreuze in den Flaggen sind ungewöhnlich kräftig und immer gut zu erkennen: Obwohl sie im Wind flattern ist auf allen das ganze Hakenkreuz sichtbar und nur leicht verzerrt. Mit anderen Worten: Es ist sehr wahrscheinlich, dass hier alte Postkartenmotive der „neuen Zeit“ angepasst wurden.

Postkarte Langeoog Hafen_klein

Und hier ein vergrößerter Ausschnitt:

Postkarte Langeoog Hafen_Ausschnitt

Am 12. Juli 1936 veröffentlichte der Landesverkehrsverband Ostfriesland, Emden, diese kleine, nur 2,5 Zentimeter breite und 9 Zentimeter hohe Annonce im „Reiseblatt“, dem Reiseteil der Frankfurter Zeitung, auf Seite 3. Der Landesverkehrsverband Ostfriesland existierte auch nach dem 2. Weltkrieg weiter und fusionierte in den 1960er Jahren mit dem Fremdenverkehrsverband Weser-Ems zum Fremdenverkehrsverband Nordsee.

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Hitlerjungen in Langeoogs Dünen

Hitlerjungen in Langeoogs Dünen

Das Heftchen „Hitlerjungen auf Langeoog“ der Reihe „Heimatlese“ (siehe Literaturliste) enthält noch einen interessanten Abschnitt, in dem eine „Feier am Schlageterkreuz“ beschrieben wird (Seite 220): „So kamen die Jungen bis an den Fuß der hohen Düne, die das Schlageterkreuz krönt, und dort sammelte sich alles, denn man mußte den schmalen Weg steil bergauf in Reihen gehen.(…) Die Jungen sammelten sich im Windschatten unter dem Mahnmal. Da stimmten sie Hans Baumanns Lied an: „Soldaten tragen Gewehre, Soldaten tragen den Stahl, doch groß macht sie nur die Ehre: Soldaten sind ohne Wahl!“ Es folgt eine – selbstverständlich vom Heft-Autor erdichtete – Blut-und-Boden-Rede des Bannführers und einige Worte zum Motiv des Denkmals: „Schlageter, der mutige Soldat des großen Krieges, Schlageter, der unerschrockene Soldat des Freikorps, Schlageter, einer der ersten Soldaten des Führers, soll und ein Sinnbild sein und ein Vorbild! So treu, wie er war, möchten auch wir einst befunden werden, wenn die harte Stunde an uns herantreten sollte. Das wollen wir hier geloben!“

Schlageterkreuz MelkhörndüneDie Melkhörndüne (die höchste Düne der Insel und bis vor wenige Jahre eine der höchsten natürlichen Erhebungen in Ostfriesland) ist zwar nicht benannt, aber es handelt sich mit Sicherheit um sie. Schon Wilhelm Schreiner hat in seinem leider undatiertem Buch „Langeoog – Ein Nordsee-Inselbuch“ (siehe Literaturliste) vom Schlageterkreuz berichtet und auch ein Foto geliefert. Auf Seite 10 heißt es: „Voraus aber ragt schlank und still im Sonnenglanz von höchster, herrlicher Düne auf, über schlichtem Klinkersockel – das hohe Schlageterkreuz. Der Blick von da droben bleibt unvergesslich. Melkhörndüne hieß sie bisher, nach der Meierei jenseits, wo die Außenweide entlang läuft und der Fahrweg in den Osten.“ Albert Leo Schlageter war Soldat im Freikorps und einer der frühen „Helden“ des nationalsozialistischen Regimes.

Nazi-Prominenz zu Gast auf Langeoog

Nazi-Prominenz zu Gast auf Langeoog

Das Heftchen „Hitlerjungen auf Langeoog“ der Reihe „Heimatlese“ dokumentiert ein Zeltlager der nationalsozialistischen Jugendorganisation Hitler-Jugend (HJ) auf Langeoog, an dem  im Juni  1937  700 Jungen teilgenommen haben sollen. Heutigen Lesern fällt als erstes die durchgängige Verwendung der Frakturschrift auf, die aber zur Erscheinungszeit passt.  Das NS-Regim schrieb bis zu einem Erlass Bornemanns im Jahr 1941 vor, dass Frakturschrift zu verwenden sei, obwohl sich seit Ende des 1. Weltkriegs die Antiqua-Schrift in Deutschland durchsetzte.

Auf den 28 Innen- und vier Umschlagseiten wird nach einem Grußwort des Obergebietsführers Lühr Hogrefe der Ablauf des Zeltlagers am Beispiel des Teilnehmers Heinrich Klee aus Osnabrück beschrieben. Die Schilderung enthält die üblichen nationalsozialistischen Werturteile, einigen Naturschilderungen, aber kaum Informationen über die Inselbevölkerung oder deren soziale Struktur. Auf Seite 213 (die Heftseiten der Reihe waren durchgehend nummeriert) beginnt die Schilderung der Eröffnugn des Lagers durch den Gebietsführer. Darin wird erwähnt, dass der Oldenburger Fanfarenzug anwesend war sowie Gebietsführer Lühr Hogrefe und der Gauleiter und Reichsstatthalter Carl Röver zusammen mit weiteren „Vertretern der Bewegung, des Staates und der Wehrmacht“. Nach Meldung und reziprokem Heil-Hitler-Rufen wurde der das Lied gesungen „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit“. Danach hielt Lühr Hogrefe eine Rede, die in Auszügen wiedergegeben wird. Im Wesentlichen wird den Teilnehmern darin erklärt, dass sie ihren ernsten Dienst für Vaterland und Hitler zu leisten hätten und Kameradschaft eines der Grundgesetze des Nationalsozialismus sei. Das Zeltlager auf Langeoog hatte wie die Organisation HJ an sich vor allem das Ziel, Kinder von klein auf zu willenlosen und brutalen Soldaten, mithin zu günstigemn Kriegsmaterial zu erziehen, dass das NS-Regime in den Angriffskriegen, die bald beginnen sollten, zu vergeuden gedachte.

Heft der Reihe Heimatlese, Ausgabe Juni 1937: Hitlerjungen auf Langeoog

Heft der Reihe Heimatlese, Ausgabe Juni 1937: Hitlerjungen auf Langeoog

2008 feiert der Turn- und Sportverein TSV Langeoog sein 100-jähriges Bestehen. Anlässlich des Jubiläums wurde ein kurzer geschichtlicher Abriss veröffentlicht, der sich vor allem der Gründung widmet und die „unangenehmen“ Jahre 1933 bis 1945 nahezu komplett ausspart. Zitat: „Von den Jahren des Zweiten Weltkrieges sind wenige Aufzeichnungen vorhanden, es wurde jedoch auch weiterhin Sport angeboten und betrieben.“ Trotzdem enthält die Chronik eine für die in diesem Blog maßgebliche Fragestellung interessante Stelle : „Nach dem Krieg übernimmt Fritz Wagner die Leitung, ihm folgt 1924 Heinrich Wissmann. Von 1926 bis 1931 übernimmt Arthur Nolze die Führung, ihm folgt Peter Hasch.“

Der TSV schweigt sich darüber aus, wie lang Peter Hasch diese Position bekleidete – allein das macht stutzig. Aber es gibt einen konkreten Hinweis zu seiner Person: Im Einleger des Langeoog-Prospekts von 1938 wird Peter Hasch als Besitzers von Haus Margareta, Hausnummer 148, Adolf-Hitler-Straße, aufgeführt, das an anderer Stelle im selben Prospekteinleger als Sitz der NDSP-Geschäftsstelle bezeichnet wird.

Die folgende Schilderung ist dem Roman „Nichts ist als ich und du“ von Wilhelm Breves aus dem Jahr 1924 entnommen. Die Existenz eines Pastors Böttcher auf Langeoog ist vom Sachbuchautor Dr. Rudof Bielefeld bezeugt. In der nachfolgend zitierten Passage geht es um ein Dorf, dass sich zur Zeit der Handlung des Romans Anfang des 18. Jahrhunderts am östlichen Ende der Insel befunden haben soll.

„Als der Abend kam und seine Dämmerung über das Seegat zwischen Spiekeroog und Langeoog legte und über die Insel schlich, stand Pastor Christian Böttcher an der Stelle, wo einst das Dorf gelegen hatte und nur noch ein paar Bretter und zertretenes Gerät davon kündeten, dass hier vor kurzem noch Menschen gelebt und gehaust hatten: nur das Kirchlein hatten sie vergessen, wie die Pastorei, verlassen und arm an den Dünen, und der Sommerwind hatte den Sand bis an die Fenster geschüttet und vor die Türen gelagert und das Blumenbeet und den Grasplatz im Garten und das kleine Stück Gemüseland bedeckt. Es war alles so einsam und so kläglich, dass es dem Pastor vor Weh feucht in den Augenwickeln wurde und er sich umwandet, dem tröstenden, murmelnden Meer zu, das vom gleißenden Abendrot überflutet war. “ (Seite 39)

„Das neue Dorf – hier lag es im Osten, in die Dünen gebette, hier lagen die Hütten, notdürftig zusammen gezimmert, Ritzen mit Gräsern und Tang ausgestopft, mit Löchern im Dach, dass der Regen indie Kammer tropfen konnte. Der Rauch stieg bei einigen Katen aus allen Spalten. Langeoog, glückliches Langeoog! dachte Christian Böttcher bitter. Er sah schlampig gekleidete Frauen in ihren Krippen vom Boot kommen, die Wassereimer in der Hand. Er strich Kindern mit schmutzigen Stupsnasen über den struppigen Kopf; sie sahen ihn aus wasserblauen Augen an, grölten und liefen in die Hütten.“ (Seite 44/45)

Der Münchner Bruckmann Verlag brachte 1937 im Rahmen der Reihe „Deutsche Meisteraufnahmen“ das Fotobüchlein „Nordsee-Menschen“* auf den Markt, in dem die Fotografin Erna Lendvai-Dircksen ihre Bilder von den Archetypen der „arischen Rasse“ zeigt. Die abgebildeten Personen werden bezeichnet als „friesische Herrenbauern“, „als reine Form der Rasse“, als „Stammcharakter“ oder „nordische Erscheinungsart“. Das Foto eines Jungen wird wie folgt beschrieben: „Der langschädelige Kopf drückt den Angriff aus, der im Blick des friesischen Menschen seinen stärksten Brennpunkt findet.“ Von hier ist es nur ein kleiner Schritt bis zu Schädelvermessung, die die Nationalsozialisten durchführen ließen, um die Bevölkerung in verschiedenen Rassen einteilen zu können.

Bilder von den Bewohnern  Langeoogs sind in dieser Schrift nicht enthalten oder als solche gekennzeichnet. Die den Fotos voran gestellte Charakterisierung des „Nordsee-Menschen“ gibt aber einen Eindruck davon, welche Attribute im Nationalsozialismus jenem Typus zugeschrieben wurden. So seien in die Gesichter der Menschen die gewaltigen Lebenskämpfe mit der See eingeschrieben, die Härte der Natur habe an ihnen geschmiedet und noch immer seien „Durchsetzungskraft, Tapferkeit, Selbstverantwortung, Unabhängigkeitsbedürfnis – als wertvolles Erbe das Grundelement des natürlichen Herrentums-“ darin sichtbar.

Jürgen Kühnert schreibt in seiner Chronik „150 Jahre Bruckmann Verlag“, dass im Juli 1889 Friedrich Bruckmanns jüngster Sohn Hugo in die Leitung des Verlagshauses eingetreten sein, mit dessen Weltanschauung dem Verlag eine Richtung gegeben worden sei, die „das Haus Bruckmann eng mit dem Regime und der Ideologie des Dritten Reiches verstrickte.“ Hugo Bruckmann unterstützte Adolf Hitler materiell und führte in in die Münchner Gesellschaft ein. Der Abschnitt der Verlagschronik zur Zeit im Dritten Reich findet sich hier. Von dort aus gelangt man auch zu den übrigen Abschnitten der Veröffentlichung.

* Lendavai- Dircksen, Erna: Deutsche Meisteraufnahmen Nr. 9, Nordsee-Menschen, München, 1937, Bruckmann Verlag, 24 Seiten plus Umschlag

Die erste Version des im folgenden Video illustrierten Liedes „Die Fischer von Langeoog“ wurde von der berühmtesten Inselbewohnerin Lale Andersen im Jahr 1949 aufgenommen.

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